Aragon Research hat gerade seinen Globe für Agent-Plattformen 2026 veröffentlicht und darin 21 Anbieter nach Strategie, Performance und globaler Reichweite bewertet. Es ist die sechste Ausgabe dieses Reports, aber die erste, in der die Kategorie wirklich Substanz hat: Unternehmen kaufen keine Chatbot-Pilotprojekte mehr, sie beschaffen digitale Arbeitskräfte. LivePerson und SnapLogic erhielten Leader-Status. Microsoft, Salesforce, Google und AWS wurden bewertet, haben aber öffentlich nicht bestätigt, wo sie gelandet sind. Das allein sagt schon viel.

Der Report ist relevant, weil Analysten-Globes die Shortlists im Einkauf bestimmen. Wer nicht im Leader-Quadranten steht, wird bei der Demo übersprungen. Allerdings hat Aragons Anbieterliste auch auffällige Lücken: SAP, ServiceNow, Anthropic und OpenAI fehlen komplett. Das schränkt die Nützlichkeit als vollständige Marktübersicht erheblich ein.

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Wie der Aragon Globe funktioniert (und warum er sich von Gartner unterscheidet)

Aragons Globe bewertet Anbieter auf drei Achsen: Strategie (wie gut ein Anbieter versteht, wohin der Markt geht), Performance (Umsetzung dieser Strategie) und Reichweite (globale Lieferfähigkeit). Anbieter landen in einem von vier Quadranten: Leaders, Contenders, Innovators oder Specialists.

Der methodische Unterschied zu Gartners Magic Quadrant ist entscheidend. Gartner gewichtet Marktanteil und installierte Basis stark, weshalb große Incumbents fast immer im Leader-Quadranten erscheinen, unabhängig von der Produktqualität. Aragon schaut explizit über die Größe hinaus. Ein kleinerer Anbieter mit umfassender Strategie und starker Umsetzung kann einen Giganten mit träger Produktentwicklung überholen.

Die 21 bewerteten Anbieter

Die vollständige Liste: Ada, Amazon Web Services, Automation Anywhere, Avaamo, Boost.ai, Druid AI, Google, IBM, Kore.ai, LivePerson, Microsoft, NiCE Cognigy, Omilia, OneReach.ai, Openstream.ai, Oracle, Salesforce, SnapLogic, SoundHound AI, UIB, Uniphore und Yellow.ai.

Das ist eine Mischung aus Enterprise-Hyperscalern (AWS, Google, Microsoft, Oracle), CRM/ERP-Anbietern (Salesforce, IBM), Conversational-AI-Spezialisten (LivePerson, Kore.ai, Cognigy) und RPA-Anbietern, die sich zu Agent-Plattformen weiterentwickeln (Automation Anywhere). Die Vielfalt zeigt, wie der Agent-Plattform-Markt aus mehreren benachbarten Kategorien zusammenwächst.

Wer wurde Leader und was das bedeutet

Nur zwei Anbieter haben ihren Leader-Status öffentlich bestätigt: LivePerson und SnapLogic.

LivePerson wurde für seinen Conversation Simulator ausgezeichnet (ein Tool, das Agenten vor dem Deployment auf Halluzinationen stresstestet), für herstellerunabhängige LLM-Orchestrierung (OpenAI, Anthropic oder Google-Modelle austauschbar nutzen) und für Branchenexpertise in Retail, Banking, Reise und Healthcare. Die Plattform verarbeitet knapp 1 Milliarde Nachrichten pro Monat. Dieses Volumen verschafft LivePerson Trainingsdaten-Vorteile, die neuere Marktteilnehmer nicht schnell aufholen können.

SnapLogic wurde für seine AgentCreator-Plattform anerkannt, die Low-Code-Agent-Entwicklung mit Enterprise-API-Management und Datenintegration kombiniert. Der Ansatz ist pragmatisch: Die meisten Agent-Plattformen erfordern aufwändige Integrationsarbeit, um mit Unternehmenssystemen zu kommunizieren. SnapLogic hat diese Konnektoren bereits. Jim Lundy, Aragons CEO, hob die Kombination aus “Agent-Entwicklung, Orchestrierung und Enterprise-Integration” als Differenzierungsmerkmal hervor.

Das vielsagende Schweigen der Hyperscaler

Microsoft, Google, AWS, IBM, Oracle und Salesforce wurden alle bewertet. Keiner von ihnen hat eine Pressemitteilung über seine Quadranten-Platzierung herausgegeben. Anbieter, die Leader-Status erhalten, verkünden das normalerweise innerhalb weniger Tage. Das Schweigen deutet stark darauf hin, dass diese Unternehmen in den Quadranten Contender, Innovator oder Specialist gelandet sind.

Das ist nicht unbedingt ein Qualitätsurteil über die Produkte. Aragons Kriterien gewichten Strategieverständnis und fokussierte Umsetzung. Ein Hyperscaler mit einem breiten, aber oberflächlichen Agent-Angebot kann schlechter abschneiden als ein Spezialist mit tiefen, zweckgebauten Fähigkeiten. Microsofts Copilot Studio ist leistungsfähig, verteilt sich aber über Dutzende Anwendungsfälle; LivePersons Plattform macht weniger Dinge, aber mit bewiesener Tiefe.

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Der Report ist mehr als ein Vendor-Ranking. Aragon identifiziert strukturelle Verschiebungen, die den Agent-Plattform-Markt in den nächsten 18 Monaten bestimmen werden.

Von Chatbots zu digitaler Arbeitskraft

Der Report rahmt 2026 als das Jahr, in dem Agenten zu “Digital Labor” werden. Das spiegelt eine reale Veränderung wider: Unternehmen wechseln vom Einsatz von Agenten als Kundenservice-Chatbots hin zu autonomen Arbeitskräften, die End-to-End-Prozesse abwickeln. Ein Agent, der Kundenfragen beantwortet, ist ein Chatbot. Ein Agent, der das Ticket triagiert, den Lagerbestand prüft, eine Retoure initiiert, das CRM aktualisiert und dem Kunden eine Mail schickt, ist digitale Arbeitskraft.

Knowledge Lakes statt RAG

Aragon argumentiert, dass einfache Retrieval-Augmented Generation (RAG) bereits unzureichend ist. Der nächste Schritt sind “Knowledge Lakes”: kuratierte Repositories validierter Informationen, aus denen Agenten schöpfen. Anders als RAG (das Rohdokumente abruft und hofft, dass das LLM die richtige Antwort extrahiert) validieren und strukturieren Knowledge Lakes Wissensobjekte vorab. Aragons Prognose: 40% der Contact-Center-Anbieter werden Knowledge Lakes bis Ende 2026 einsetzen.

Multi-Agent-Orchestrierung über A2A und MCP

Der Report hebt das Agent-to-Agent-Protokoll (A2A) und das Model Context Protocol (MCP) als zentrale Standards für Multi-Agent-Systeme hervor. Wenn Agenten verschiedener Anbieter an einem Geschäftsprozess zusammenarbeiten müssen, brauchen sie standardisierte Wege, um gegenseitig ihre Fähigkeiten zu entdecken, Kontext auszutauschen und Aufgaben zu übergeben. A2A und MCP liefern diese Infrastruktur.

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Agentic Identity and Security Platforms (AISP)

Wenn Agenten autonome Rollen übernehmen, brauchen sie eigene Identitätsinfrastruktur. Aragon führt das Konzept AISP ein: Plattformen, die Runtime-Policy-Enforcement für die Identifikation, Absicherung und Governance von KI-Agenten bieten. Die Sicherheitsrisiken sind spezifisch: Prompt Injection, Agent-Communication-Poisoning, Identitäts-Wildwuchs, Agent-Spoofing, unautorisierter Datenzugriff und Shadow-KI-Agenten ohne Aufsicht. Besonders für DACH-Unternehmen ist das relevant: Die DSGVO und der EU AI Act stellen strenge Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit und Governance autonomer Systeme.

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Spezialisierte Agenten statt Generalisten

Der Markt bewegt sich weg von Allzweck-Assistenten hin zu rollenspezifischen Agenten. Statt einer einzigen KI, die alles vom IT-Helpdesk bis zum Vertriebsnachfass übernimmt, setzen Unternehmen eng zugeschnittene Agenten mit tiefem Domänenwissen ein. Ein Healthcare-Abrechnungsagent, ein Beschaffungs-Compliance-Agent, ein Sales-Pipeline-Agent. Aragon sieht diese “Proliferation spezialisierter Agenten” als Reifezeichen des Marktes.

Was Aragon übersehen hat: Die blinden Flecken des Reports

Kein Analystenreport deckt alles ab, aber Aragons Lücken sind relevant, weil sie die Nützlichkeit für Einkaufsentscheidungen beeinflussen.

SAP fehlt. SAP Joule kommt mittlerweile mit über 1.300 vorgefertigten Skills für Finanzen, HR, Beschaffung und Supply Chain. Für jedes DACH-Unternehmen, das auf SAP läuft, ist Joule die naheliegendste Agent-Plattform. Die Abwesenheit in der Bewertung ist schwer nachvollziehbar, zumal SAP einer der drei größten Enterprise-Software-Anbieter weltweit ist.

ServiceNow fehlt. ServiceNows Now Assist und Agent-Fähigkeiten sind in Tausenden von Unternehmen für IT-Service-Management, HR-Service-Delivery und Kundenworkflows im Einsatz. Für Enterprise-Käufer in der DACH-Region, wo ServiceNow stark vertreten ist, ist das eine spürbare Lücke.

Modellanbieter sind ausgeschlossen. Anthropic und OpenAI werden nicht bewertet, was nachvollziehbar ist, wenn man “Agent-Plattform” als Anwendungsschicht-Software definiert. Aber beide Unternehmen bieten zunehmend Agent-Building-Tools (Claudes Tool Use, OpenAIs Assistants API), und Unternehmen bauen Agenten direkt auf diesen Grundlagen statt über Middleware-Plattformen.

Der vollständige Report ist kostenpflichtig. Die eigentliche Globe-Grafik mit allen Anbieter-Positionierungen steht hinter einer Paywall. Öffentlich verfügbare Informationen stammen nur von Anbietern, die günstige Platzierungen erhalten haben und diese veröffentlichen wollten. Das erzeugt einen Selektionsbias in der verfügbaren Analyse.

Was das für Unternehmen im DACH-Raum bedeutet

Wer 2026 Agent-Plattformen evaluiert, sollte den Aragon Globe als nützlichen Startpunkt nutzen, nicht als Entscheidungsrahmen.

Zur Entdeckung nutzen, nicht zur Entscheidung. Die Liste von 21 Anbietern ist eine brauchbare Ausgangsbasis. Ergänzen Sie sie aber um SAP, ServiceNow und branchenspezifische Agent-Plattformen aus Ihrem Sektor.

Das Schweigen lesen. Die fehlenden Leader-Ankündigungen der Hyperscaler deuten darauf hin, dass deren Agent-Angebote noch breit und oberflächlich sind. Für spezifische Anwendungsfälle (Kundenservice, Beschaffung, HR) könnte eine Spezialisten-Plattform die allgemeinen Tools eines Hyperscalers übertreffen.

Integrationstiefe bewerten. SnapLogics Leader-Positionierung unterstreicht einen unterschätzten Faktor: wie einfach sich Agenten in bestehende Systeme einbinden lassen. Das beste LLM-Reasoning der Welt hilft nichts, wenn der Agent Ihr ERP nicht lesen, Ihr CRM nicht aktualisieren oder Ihre Freigabe-Workflows nicht auslösen kann.

Die A2A/MCP-Entwicklung verfolgen. Die Protokolle, die Aragon hervorhebt, werden darüber entscheiden, ob Sie in einem einzelnen Anbieter-Ökosystem eingesperrt bleiben oder Plattformen mischen können. Fragen Sie jeden Anbieter auf Ihrer Shortlist heute nach A2A- und MCP-Unterstützung.

Der Agentic-AI-Markt soll laut Fortune Business Insights bis 2034 auf 139 Milliarden Dollar wachsen (40,5% CAGR von 7,29 Milliarden Dollar in 2025). Analystenreports wie Aragons Globe werden zunehmend bestimmen, welche Anbieter diese Ausgaben für sich gewinnen. Aber der Report ist eine Landkarte, nicht das Gelände. Die Anbieter, die gewinnen, werden diejenigen sein, die Ihre Betriebskosten tatsächlich senken, nicht die mit der besten Quadranten-Platzierung.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Aragon Research Globe für Agent-Plattformen 2026?

Der Aragon Research Globe für Agent-Plattformen 2026 ist eine Analystenbewertung von 21 Enterprise-KI-Agent-Plattform-Anbietern. Er bewertet jeden Anbieter nach Strategie, Performance und globaler Reichweite und ordnet sie in die Quadranten Leader, Contender, Innovator oder Specialist ein. Im Februar 2026 veröffentlicht, ist es die sechste Ausgabe dieses Reports.

Welche Anbieter sind Leader im Aragon Research Globe 2026?

LivePerson und SnapLogic haben ihren Leader-Status im Aragon Research Globe für Agent-Plattformen 2026 öffentlich bestätigt. Microsoft, Google, AWS, Salesforce, IBM und Oracle wurden bewertet, haben aber ihre Quadranten-Platzierungen nicht bekanntgegeben, was darauf hindeutet, dass sie keine Leader-Positionierung erhalten haben.

Wie unterscheidet sich der Aragon Globe vom Gartner Magic Quadrant?

Der Aragon Globe bewertet Anbieter nach Strategieverständnis, Umsetzungsperformance und globaler Reichweite und schaut explizit über Marktanteil und installierte Basis hinaus. Gartners Magic Quadrant gewichtet Marktgröße stark, was tendenziell große Incumbents bevorzugt. Ein kleinerer Anbieter mit tiefen, fokussierten Fähigkeiten kann im Aragon Globe Leader-Status erreichen, auch ohne massiven Marktanteil.

Was ist AISP (Agentic Identity and Security Platforms)?

AISP ist ein von Aragon Research eingeführtes Konzept für Plattformen, die KI-Agent-Identitäten mit Runtime-Policy-Enforcement verwalten. AISP adressiert sicherheitsspezifische Risiken autonomer Agenten, darunter Prompt Injection, Agent-Spoofing, Identitäts-Wildwuchs und unautorisierter Datenzugriff. Für DACH-Unternehmen besonders relevant angesichts der DSGVO- und EU-AI-Act-Anforderungen.

Warum fehlen SAP und ServiceNow im Aragon Globe 2026?

SAP (mit der KI-Plattform Joule und über 1.300 vorgefertigten Skills) und ServiceNow (mit Now Assist Agent-Fähigkeiten) fehlen bei den 21 bewerteten Anbietern. Ihre Abwesenheit schränkt die Nützlichkeit des Reports als vollständige Marktübersicht ein, besonders für Unternehmen im DACH-Raum, die bereits SAP oder ServiceNow als Kernplattformen nutzen.