Die GenAI-Nutzung in Professional Services hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt: von 22% auf 40% der Organisationen. Das ist das zentrale Ergebnis des Thomson Reuters 2026 AI in Professional Services Report, einer Befragung von 1.514 Fachleuten aus Recht, Steuer, Wirtschaftsprüfung und Risikomanagement in 27 Ländern. Die Zahl, die dabei wirklich aufhorchen lassen sollte: Nur 18% dieser Organisationen messen überhaupt, ob ihre KI-Investitionen Rendite bringen. Die Branche investiert massiv und kontrolliert fast nichts.
Thomson Reuters ordnet 2026 als das “Jahr des KI-Impacts” ein, nach der Experimentierphase 2024 und der Implementierungsphase 2025. Die Daten stützen diese Einordnung. 82% der aktiven GenAI-Nutzer arbeiten wöchentlich oder häufiger damit. 87% erwarten, dass KI innerhalb von fünf Jahren zentral für ihren Arbeitsalltag wird. Das ist kein Nischenexperiment mehr. Es ist ein Branchenwandel, der den Governance-Strukturen vorauseilt.
Adoption verdoppelt, Strategie stagniert
Die Adoptionszahlen im Jahresvergleich sind eindeutig. 2025 nutzten 22% der Professional-Services-Organisationen GenAI. 2026 sind es 40%. Nur noch 19% geben an, keine Einführung zu planen.
Die individuelle Nutzung liegt sogar höher. Über 50% der Fachleute nutzen öffentlich zugängliche Tools wie ChatGPT, Claude und Gemini, unabhängig davon, ob der Arbeitgeber eine offizielle Lösung bereitstellt. Unter den aktiven Nutzern ist die Frequenz hoch: 30% verwenden GenAI mehrmals täglich, weitere 25% täglich und 26% wöchentlich. Das ist keine einmalige Spielerei. Das ist ein Werkzeug, das Menschen ständig einsetzen.
Die Strategielücke ist die eigentliche Nachricht
Adoption ohne Strategie ist bloßer Verbrauch. Nur 22% der Organisationen haben das erreicht, was Thomson Reuters “strategische Klarheit” nennt. Das bedeutet: 78% setzen Tools ein, ohne einen klaren Plan, wie KI in Leistungserbringung, Preisgestaltung oder Personalmodelle eingebettet wird.
Die Auswirkungen sind messbar. Organisationen mit einer definierten KI-Strategie erzielen doppelt so häufig Umsatzwachstum und realisieren 3,5-mal häufiger kritische KI-Vorteile. Gleichzeitig besteht eine Kluft zwischen persönlichen und organisatorischen Zielen: 65% der Fachleute mit persönlichen KI-Adoptionszielen kennen die KI-Strategie ihres Unternehmens nicht. 38% derer, deren Organisation eine Strategie hat, setzen sich selbst keine Adoptionsziele. Linke und rechte Hand wissen nicht voneinander.
Mike Abbott, Leiter des Thomson Reuters Institute, formuliert es so: “2026 markiert die strategische Phase der KI, in der Organisationen Workflows neu definieren, Wertschöpfung neu gestalten und KI direkt in das Fundament ihrer Geschäftsstrategie einbauen.” Das ist der Anspruch. Die Daten zeigen, dass die meisten Kanzleien und Beratungen noch nicht so weit sind.
Wo Professional Services KI tatsächlich einsetzen
Die Anwendungsfälle unterscheiden sich nach Funktion, und die Daten sind für jeden nützlich, der über die nächste Deployment-Entscheidung nachdenkt.
Recht
Juristen konzentrieren sich auf Recherche und Prüfung. 80% nutzen KI für Rechtsrecherche, 74% für Dokumentenprüfung, 73% für Zusammenfassungen, 59% für das Verfassen von Schriftsätzen und 49% für Vertragsarbeit. Der Fokus auf Recherche liegt nahe: Dort ist die Feedback-Schleife am klarsten. Man kann prüfen, ob die KI die richtigen Urteile gefunden hat. Beim Verfassen von Texten, wo Fehler schwerer zu erkennen sind, liegt die Nutzung niedriger.
Bei der Toolwahl zeigt sich ein interessantes Muster: 55% der juristischen Nutzer verwenden Allzweck-Tools wie ChatGPT, nur 35% spezialisierte Legal-KI-Lösungen. 38% setzen Enterprise-Plattformen wie Microsoft Copilot ein. Die spezialisierten Tools sollten bei juristischen Aufgaben besser abschneiden, aber die niedrigere Zugangshürde hält ChatGPT an der Spitze.
Steuer, Wirtschaftsprüfung und Risikomanagement
Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung zeigen ein ähnliches Muster auf niedrigerem Niveau: 69% nutzen KI für Steuerrecherche, 57% für Zusammenfassungen und 55% für Dokumentenprüfung. Die Wolters Kluwer Future Ready Accountant-Umfrage ergab, dass die KI-Adoption in der Buchhaltung von 9% in 2024 auf 41% in 2025 sprang. Der Umsatz pro Mitarbeiter liegt bei technologieoptimierten Kanzleien bei 250.000-350.000 Dollar gegenüber 150.000-200.000 Dollar bei traditionellen Häusern.
Risiko- und Betrugsteams sind die intensivsten Nutzer im Bereich Dokumentenintelligenz: 86% setzen KI für Zusammenfassungen ein, 74% für Dokumentenprüfung und 71% für Risikobewertung. Diese Teams arbeiten mit hohen Volumina und Mustererkennung, beides natürliche Stärken großer Sprachmodelle.
Agentic AI: 15% nutzen es, 53% beobachten
Die Agentic-AI-Zahlen sind der zukunftsweisendste Datenpunkt im Report. Nur 15% der Professional-Services-Organisationen setzen derzeit Agentic AI ein: Systeme, die mehrstufige Workflows planen und autonom ausführen, anstatt nur auf Anfrage Text zu generieren.
Die Pipeline ist allerdings substanziell: Weitere 53% planen oder erwägen den Einsatz. Im Rechtsbereich nutzen 16% bereits Agentic AI, 19% planen es, und 30% ziehen es in Betracht. Nur 35% haben keine Pläne. Das bedeutet: 65% der Kanzleien haben Agentic AI irgendwo auf ihrer Roadmap.
77% der Befragten erwarten, dass Agentic AI bis 2030 zentral für ihren Arbeitsalltag wird. Vier Jahre, in Technologie-Adoptionszyklen betrachtet, sind kein ferner Zeithorizont.
Thomson Reuters setzt selbst stark auf diese Wette. CoCounsel, der KI-Assistent auf Basis der Casetext-Übernahme (650 Millionen Dollar in 2023), hat eine Million Nutzer in 107 Ländern erreicht. Rund ein Viertel der Fortune-1000-Unternehmen nutzt es. Die nächste Generation an Funktionen, die gerade in die Beta-Phase geht, umfasst konversationsbasierte Aufgabenausführung (Ziel beschreiben, System erstellt Plan, prüft Quellen in Westlaw, durchsucht Dokumente, verifiziert Zitate und liefert strukturierte Arbeitsergebnisse) sowie Massenprüfung von bis zu 10.000 Dokumenten. Das sind agentische Fähigkeiten, nicht nur Chat.
32 Milliarden Dollar Zeitersparnis, die niemand misst
Die prognostizierten wirtschaftlichen Auswirkungen sind beträchtlich. Juristen erwarten, dass KI ihnen knapp 240 Stunden pro Jahr freischaufelt, gegenüber 200 Stunden in 2024. Das entspricht rund 5 Stunden pro Woche und einem durchschnittlichen Wert von 19.000 Dollar pro Fachkraft und Jahr. Über die US-amerikanischen Rechts- und Steuerberatungsbranchen hinweg schätzt Thomson Reuters den jährlichen Gesamteffekt auf 32 Milliarden Dollar.
Das sind Prognosen, keine Messungen. Und genau das ist das Problem.
Die ROI-Messlücke
Nur 18% der befragten Organisationen messen den KI-ROI tatsächlich. 40% der Befragten wissen nicht einmal, ob ihre Organisation den ROI überhaupt erfasst. Unter denjenigen, die messen, verfolgen 77% Kosteneinsparungen und 64% die Mitarbeiternutzung, aber weniger als 30% messen Kundenzufriedenheit oder Neugeschäft.
Diese Lücke ist relevant, weil die messenden Unternehmen differenzierte Ergebnisse erzielen. Organisationen mit formaler KI-Strategie erreichen dreimal häufiger positiven ROI. 53% der Fachleute berichten von konkreten Erträgen durch Zeitersparnis und Fehlerreduktion. Die Renditen scheinen real zu sein, aber die meisten Unternehmen fliegen blind, ob sie diese auch tatsächlich realisieren.
Der Vergleich zur breiteren Unternehmens-KI-Adoption ist aufschlussreich. Die McKinsey State of AI-Umfrage ergab, dass nur 6% der Organisationen als “KI-Hochleister” gelten, die mehr als 5% des EBIT aus KI generieren. Für DACH-Unternehmen, die unter dem EU AI Act und der DSGVO strengere Compliance-Anforderungen erfüllen müssen, erhöht sich die Komplexität zusätzlich. Die Kosten für Compliance-konforme KI-Systeme liegen deutlich über dem globalen Durchschnitt, was die ROI-Schwelle weiter anhebt.
Was Mandanten tatsächlich erwarten (und was Kanzleien fürchten)
Einer der aufschlussreichsten Abschnitte des Reports betrifft die Dynamik zwischen Mandanten und Kanzleien. 74% der Unternehmenssteuermandanten erwarten, dass ihre Berater KI einsetzen. 54% der Rechtsmandanten sehen das genauso. Aber weniger als 20% machen KI-Nutzung in Ausschreibungen oder formalen Richtlinien zur Pflicht. Die Nachfrage ist stark, aber informell.
Die Bedrohungswahrnehmung unter Fachleuten ist im Jahresvergleich deutlich gestiegen. Der Anteil derer, die KI als potenzielles Vehikel für unerlaubte Rechtsberatung sehen, sprang von 36% in 2025 auf 50% in 2026. Diejenigen, die KI als direkte Bedrohung für Arbeitsplätze wahrnehmen, stiegen von 15% auf 24%. Der Anteil, der weniger Anwälte für nötig hält, wuchs von 10% auf 18%.
91% der Fachleute sind der Meinung, dass KI höheren Genauigkeitsstandards unterliegen sollte als Menschen, und 41% fordern 100% Genauigkeit, bevor KI-Ergebnisse ohne menschliche Prüfung verwendet werden können. Diese 100%-Schwelle ist natürlich für kein System erreichbar, weder für Menschen noch für Maschinen. Sie signalisiert ein Vertrauensdefizit, das keine noch so große Leistungssteigerung beseitigen wird, ohne institutionelle Rahmenwerke für Verifizierung und Rechenschaftspflicht.
David Wong, Chief Product Officer bei Thomson Reuters, bringt es auf den Punkt: “Geschwindigkeit ist wichtig, aber Vertrauen ist noch wertvoller. Egal wie fortschrittlich agentische Fähigkeiten werden, sie werden nicht angenommen, wenn Fachleute ihnen nicht vertrauen können.”
Steve Hasker, Präsident und CEO von Thomson Reuters, formulierte die Verschiebung so: “Fachleute entscheiden nicht mehr, ob sie KI nutzen. Sie entscheiden, welcher KI sie vertrauen, wenn ihr Ruf und die Daten ihrer Mandanten auf dem Spiel stehen.”
Häufig gestellte Fragen
Was sagt der Thomson Reuters Report 2026 über KI-Adoptionsraten?
Die organisatorische GenAI-Nutzung in Professional Services hat sich von 22% in 2025 auf 40% in 2026 fast verdoppelt, basierend auf einer Befragung von 1.514 Fachleuten in 27 Ländern. 82% der aktiven Nutzer arbeiten wöchentlich oder häufiger mit KI, und 87% erwarten, dass sie innerhalb von fünf Jahren zentral für ihren Arbeitsalltag wird.
Wie viele Professional-Services-Firmen nutzen Agentic AI?
Nur 15% der Professional-Services-Organisationen nutzen derzeit Agentic AI. Weitere 53% planen oder erwägen den Einsatz, und 77% der Befragten erwarten, dass Agentic AI bis 2030 zentral für ihren Arbeitsalltag wird.
Wie hoch ist der prognostizierte ROI von KI in Professional Services?
Juristen erwarten, dass KI knapp 240 Stunden pro Jahr freisetzt, mit einem Durchschnittswert von 19.000 Dollar pro Fachkraft. Thomson Reuters schätzt den kombinierten jährlichen Effekt für die US-amerikanischen Rechts- und Steuerberatungsbranchen auf 32 Milliarden Dollar. Allerdings messen nur 18% der Organisationen den KI-ROI tatsächlich.
Was sind die häufigsten KI-Anwendungsfälle in Kanzleien?
Rechtsrecherche führt mit 80% Adoption, gefolgt von Dokumentenprüfung mit 74%, Zusammenfassungen mit 73%, Verfassen von Schriftsätzen mit 59% und Vertragsarbeit mit 49%. 55% der juristischen Nutzer verwenden Allzweck-Tools wie ChatGPT statt spezialisierter Legal-KI-Lösungen.
Erwarten Mandanten von Kanzleien und Steuerberatungen den Einsatz von KI?
Ja. 74% der Unternehmenssteuermandanten und 54% der Rechtsmandanten sind der Meinung, dass ihre Berater KI einsetzen sollten. Allerdings machen weniger als 20% den KI-Einsatz in Ausschreibungen oder formalen Richtlinien zur Pflicht, sodass die Nachfrage stark, aber weitgehend informell bleibt.
